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17.06.20

Das Positive im Blick behalten

Foto: scym; pixabay

 

Oftmals sehen wir bei uns und anderen hauptsächlich die Schwächen und Fehler. Das Positive verlieren wir dabei  aus dem Blick.
Doch selbst vermeintliche Fehler können in Wirklichkeit manchmal auch Stärken darstellen. Dies schildert die folgende Geschichte sehr anschaulich.
Viel Freude damit wünscht das Team des Sozialpsychiatrischen Dienstes.

 

Der traurige Krug

In Jütland stand ein kleines Haus, das sah sehr fröhlich aus. Darin lebt eine freundliche alte Frau, die Blumen liebte. Doch sie hatte keinen Brunnen und musste jeden Tag Wasser vom Fluss holen. So war der Gang zum Fluss das Erste, was sie jeden Morgen tat. Sie besaß zwei Krüge, die an den Ende des Wasserstabes hingen, den sie über der Schulter trug. Und wenn sie vom Fluss zurückkam, hatte sie eineinhalb Krüge voll Wasser, einen halben zum Kochen und einen für ihren Blumengarten. 

Doch warum nur eineinhalb Krüge voll Wasser und nicht zwei, mögt ihr fragen. Nun, der eine Kurg hatte einen kleinen Sprung, durch den das Wasser herauslief, sodass dieser Krug sich schon zur Hälfte geleert hatte, bis die alte Frau vom Fluss wieder nach Hause angekommen war. Einige Jahre ging das so. Was die Frau aber nicht ahnen konnte war, dass auch Krüge Gedanken, Gefühle und Sorgen haben. Sonst hätte sie gewusst, dass der heile Krug sehr stolz auf seine Leistung, der gesprungene jedoch traurig wegen seines Makels war.

Eines Tages sprach der gesprungene Krug zur Katze, die seine Sprache verstehen konnte: "Ach, wozu bin ich gut? Ich habe einen Riss und kann das Wasser nicht halten, wie es meine Pflicht wäre. Liebe Katze, was soll ich denn nur tun?"

Die Katze setze sich auf die Hinterpfoten und putzte sich erst einmal lange und gründlich. Dann sah sie den Krug mit ihren klugen Katzenaugen an und sagte: "D u bist doch ein allzu dummer Krug! Hast du nicht bemerkt, dass unsere Meisterin dich immer abwechselnd auf der rechten und dann wieder auf der linken Seite trägt?"

"Nein, das ist mir noch nicht aufgefallen. Aber jetzt, wo du es sagst - es stimmt. Warum tut sie das?"

"Nun, siehst du nicht die vielen schönen und kräftig gewachsenen Blumen auf dem Weg zum Fluss? Hast du dich nie gewundert, warum an anderen Wegen keine Blumen wachsen?"

"Tja, liebe Katze, du kommst ja weiter herum als ich. Also wird es wohl so sein, wie du sagst. Aber warum ist das so?"

"Du bist eben ein dummer Krug!"

Der Krug wäre rot geworden, wäre er nicht ohnenhin schon rot gewesen. "Ja, liebe Katze, sicher hast du recht. Aber kannst du mir dieses Rätsel nicht erklären?"

Ein wenig von oben herab sprach die Katze zum Krug: "Ja, das kann ich. Es ist doch ganz einfach: Durch den Riss in deiner Seite läuft ein wenig Wasser heraus. Und das Wasser nährt die Blumen am Wegesrand. Unsere Meisterin wechselt dich jeden Tag zur anderen Seite, damit auf beiden Seiten des Weges die Blumen gedeihen können. Nur durch das, was du als deinen Fehler beklagst, blühen die Blumen auf dem Weg zum Fluss so herrlich und zieren den Weg zu unserem Haus. Dass du dies als Makel betrachtest, ist deine Entscheidung. Du bist eben dumm wie ein Krug!"

Trotz der harten Worte fühlte sich der traurige Krug nun gar nicht mehr traurig, obwohl er doch nur ein dummer Krug war.

 

 

Aus "Füttere den weißen Wolf". Weisheitsgeschichten die glücklich machen von Ronald Schweppe und Aljoscha Long, München, 2016. Abdruck mit freundlicher Genehmigung der Autoren.