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26.06.20

Resilienz

Dankeschönkette

In Zeiten der Corona Pandemie wird sehr deutlich, wie unterschiedlich wir mit solch einer Situation umgehen. Manche scheinen es mühelos zu bewältigen, andere haben große Angst, fühlen sich gestresst und geraten in die Krise. In der Öffentlichkeit werden vorwiegend Ansteckungszahlen, Risikofaktoren, Schutzmaßnahmen und negative wirtschaftliche und soziale Folgen thematisiert. Wichtig ist es jedoch, auch darüber nachzudenken, was uns psychisch gesund erhält. Diese Frage stellen sich Resilienzforscher.

Was macht diese psychische Widerstandskraft, auch Resilienz genannt, eigentlich aus?  Menschen mit einer hohen Resilienz gelingt es, elastisch auf Krisen zu reagieren, d.h. die Anspannung wächst in der Krise, wie bei einem Pfeilbogen, wenn er gespannt wird, bei Entspannung findet der Bogen wieder zu seiner alten Form zurück. Die Belastung hinterlässt dann keine bleibenden Schädigungen und in manchen Fällen, kommt es durch die Krise sogar zu einem persönlichen Wachstum. Resilienz ist nicht einfach vererbt oder angeboren, sondern kann sich im Laufe des Lebens entwickeln, wenn wir dafür fördernde Bedingungen vorfinden. Sie muss außerdem regelmäßig „gewartet“ werden.

Der amerikanische Soziologe Antonovsky gilt als einer der Ur-Väter der Resilienzforschung. Er stieß in den 70er Jahren in seinen Studien zur mentalen und körperlichen Gesundheit von Frauen eher zufällig auf einen Befund, der ihn überraschte. Unter den Frauen, die im Nationalsozialismus in Konzentrationslagern interniert waren, befand sich ca. ein Drittel, die als körperlich und psychisch gesund eingeschätzt wurden. Er ging im Anschluss der Frage nach, was diese Frauen von jenen unterschied, die traumatisiert und psychisch erkrankt aus derselben Erfahrung herausgingen. Er entwickelte das Konzept der Salutogenese, welches Antworten auf die Frage, „Was hält den Menschen gesund?“, geben soll. Er formulierte drei Bedingungen, die als Schutzfaktoren gelten können:

Als eine erste wichtige Bedingung benannte er die Verstehbarkeit der Vorgänge. Kann ich die Ereignisse, die sich durch die Coronakrise ergeben verstehen und in meine Lebenserfahrung einordnen? Eltern können Schul- und Vorschulkindern gut über Virus, Ansteckung und Maßnahmen kindgerecht aufklären, bei Kleinkindern oder Kindern mit kognitiven Einschränkungen ist dies schwieriger und häufig zu abstrakt. Desto wichtiger ist es, individuelle Erklärungen zu finden und die Fragen der Kleinsten ernst zu nehmen. Im Internet können Eltern inzwischen eine Vielzahl an geeigneten Materialien für eine kindgerechte Erklärung finden. Wichtig dabei ist, die Kinder nicht mit zu vielen Informationen zu überfordern. Corona sollte auch, aber nicht das Hauptthema in der Familie sein.

Ein zweiter wichtiger Faktor ist, ob ich der Überzeugung bin, dass ich diese Situation bewältigen kann. Habe ich Strategien? Kann ich mich selbst als wirksam erleben? Das kann sich auf eine eigene konkrete Lösungsidee beziehen oder die Fähigkeit, um Hilfe zu bitten. Aber auch auf das Aushalten von Gefühlen der Unsicherheit und Ohnmacht und das Akzeptieren, dass die Situation nun einmal gerade so ist, wie sie ist. Gerade jetzt in der Coronakrise, gibt es immer weniger Möglichkeiten, eigene Entscheidungen zu treffen und wir fühlen uns häufig von außen kontrolliert und gesteuert. Daher ist es wichtig, Vorhersehbarkeit und Selbstbestimmung im häuslichen Bereich für sich als Eltern, aber auch für die Kinder zu ermöglichen. Wo kann das Kind selbständig agieren, Neues lernen oder etwas selbst bestimmen? Je jünger das Kind ist, desto mehr Ermutigung und Lob nach erfolgter Leistung braucht es. Damit ein Kind sich als selbstwirksam erlebt, müssen die Aufgaben fordern, aber auch schaffbar sein und idealerweise Spaß machen.  Sie können u.a. aus den Bereichen Bewegung, Kreativität, Lebenspraxis im Haushalt und Garten kommen. Rituale und Strukturen geben außerdem ein Gefühl von Sicherheit und Zuverlässigkeit. Das kann das gemeinsame Essen, eine Spiel- oder Redezeit mit den Eltern, aber auch das Kuscheln am Abend sein.

Eine sichere und emotional stabile Beziehung zu einer erwachsenen Bezugsperson kann dem Kind helfen, sich für die neuen Herausforderungen gut gewappnet zu fühlen. In einer sicheren Eltern-Kind-Beziehung reagieren Eltern auf die emotionalen Bedürfnisse der Kinder feinfühlig. Sie hören zu, stellen Fragen, sind da, spüren, welche Bedürfnisse das Kind gerade hat und geben dem Kind das Gefühl, dass es so wie es ist geliebt wird. Prof. Dr. Klaus Fröhlich-Gildhoff, der seit vielen Jahren zum Thema Resilienz forscht, sagt: „Jedes resiliente Kind hat eine Bezugsperson, die für ihn brennt“. Daher ist die gemeinsame Familienzeit wichtiger denn je. Wann nehmen wir uns bewusst Zeit füreinander? Wann gibt es Gelegenheiten, über Gefühle wie Ängste, aber auch Freude zu sprechen?

Kann ein Elternteil dies nicht leisten, kann ein Kind auch zu anderen Bezugspersonen, wie zum Beispiel einem Großelternteil, einer Pat*in,  einer Erzieher*in oder Lehrkräften eine sichere Bindung aufbauen. Wenn diese aufgrund der Schutzmaßnahmen weggefallen, sind kreative Lösungen gefragt. „Social distancing“ heißt ja lediglich, dass wir uns körperlich nicht nahe kommen sollen, aber sozial weiterhin aktiv sein können. Welche Alternativen kann ich meinem Kind anbieten, um Kontakte zu halten, wie z.B. ein Videoanruf mit den Großeltern oder Freund*innen, eine Brieffreundschaft mit der Erzieher*in oder ein Treffen an der frischen Luft?

Als dritte Bedingung sah Antonovsky die Sinnhaftigkeit der Ereignisse. Es ist eine Herausforderung, etwas Sinnhaftes in einer Pandemie und deren Folgen zu erkennen. Kann ich durch die Einhaltung der Schutzmaßnahmen wirklich das Ansteckungsrisiko verringern? Lohnt sich meine Anstrengung? Keine einfache Frage, wenn derzeitige politische Entscheidungen auch immer Entscheidungen in einem Kontext des Nichtwissens sind und sich täglich ändern können. Umso wichtiger ist es, in einem veränderten Alltag sinnstiftende Tätigkeiten oder Momente zu finden. Viktor Frankl formulierte das einmal so: Das Wissen um eine sinnvolle Aufgabe hat gesundheitsfördernde und krankheitspräventive Wirkung“. Das verstärkte soziale Miteinander können Kinder erfahren, wenn sie mit in die Unterstützung von älteren oder kranken Menschen einbezogen werden. Einen Kuchen backen und ihn jemandem, der sich darüber freut, vor die Tür stellen, eine schönes Bild für die Oma malen und vieles mehr. 

Auch ein Blick auf die positiven Seiten in unserem Leben, die trotz Ausnahmesituation bleiben kann unser Empfinden verändern (siehe Übung Dankeschönkette).

Das Wirken von Schutzfaktoren ist mit einer Balkenwaage vergleichbar. Auf einer Waagschale liegen die Schutzfaktoren, auf der anderen die Belastungsfaktoren. Psychische Gesundheit erfordert, dass sich die beiden Waagschalen zumindest in einem stabilen Gleichgewicht befinden, möglichst aber die positive Seite überwiegt. Als Eltern ist es unsere Aufgabe äußere Schutzfaktoren sicherzustellen (z.B. sichere, liebevolle Begleitung des Kindes, gesunde Ernährung, ausreichende Anregung und unterstützende Begleitung) und gleichzeitig Belastungsfaktoren möglichst gering zu halten.

Kinder sind in ihren Einschätzungen und Empfindungen noch sehr abhängig von den Erwachsenen, d.h. je gelassener und sicherer die Eltern mit der aktuellen Lage umgehen können, desto wahrscheinlicher gelingt dies auch den Kindern. Daher sind Eltern in der Pflicht auch für sich zu sorgen, indem sie sich selbst Gutes tun, ihre Kraftquellen aufsuchen und sich Unterstützung holen.

Kinder können vor negativen Erfahrungen und Krisen nicht ferngehalten werden und dies wäre auch nicht sinnvoll. Die Erfahrung, eine Krise positiv zu überwinden, macht uns stärker und widerstandsfähiger.

Dankeschönkette –

ein Übung für die ganze Familie

Die Zeit vergeht so schnell. Da vergessen wir leicht die kleinen Dinge, über die wir uns freuen. Diese Übung kann dir helfen, dich an Dinge zu erinnern, für die du dankbar bist.

Schneide aus buntem Papier Streifen, die so breit sind, dass du darauf schreiben kannst.

Schreibe auf jeden Streifen etwas, wofür du dankbar bist oder worüber du dich freust.

Biege einen Streifen zum Ring und klebe seine Enden zusammen. Fädle dann den nächsten Streifen durch den ersten Ring und klebe auch ihn zusammen. So geht es weiter, bis deine Kette fertig ist.

Aus: Wynne Kinder. Achtsamkeit. Fantasievolle Übungen, die Kinder Ruhe schenken. Dorling Kindersley.

 

 

 

Literaturtipps:

Buchtipp: Wynne Kinder. Achtsamkeit. Fantasievolle Übungen, die Kinder Ruhe schenken. Dorling Kindersley.

Bilderbuch: Aufregung im Wunderwald. Download auf http://www.praxis-hermans.de/.

https://www.bundesregierung.de/breg-de/themen/coronavirus/coronavirus-leichte-sprache-gebaerdensprache

 

 

Eltern- und Jugendberatung des Diakonischen Werkes

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