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27.05.20

Vom Schmerz des Bezahlens

Das Team der Schuldnerberatung: Maximilian Schmidt, Anita Wagner und Markus Willms

Ging es Ihnen auch so, dass Sie in den letzten Wochen das Gefühl hatten, dass trotz Ausgangssperre und geschlossener Läden das Haushaltsgeld schneller aufgebraucht war als vor einigen Monaten?
Ich frage mich, woran das liegt. Daran, dass die Kinder zu Hause sind und Kuchen backen, kochen und unterhalten werden wollen? Oder daran, dass mit Kindern einzukaufen mehr Geld verschlingt, als ein Einkauf alleine?
Vielleicht auch, dass ich auf Wunsch der Supermärkte auf bargeldlose Zahlung umgestiegen bin und in letzter Zeit mehr im virtuellen Kaufhaus geshoppt habe?
Als Schuldnerberater war ich vor der Pandemie ein Freund des Bargeldes und des Haushalts-planes in einer Excel Tabelle. Vor dem kontaktlosen Bezahlen - mit dem Handy, Kreditkarte oder der EC-Karte - habe ich immer einen großen Bogen gemacht, wie der Teufel vor dem Weihwasser.
Nach einer Studie der infas quo im Auftrag der Initiative Deutsche Zahlungssysteme stieg die bargeldlose Zahlung während der Corona-Pandemie deutlich an. Der Schutz gegenüber den Mitmenschen werde demnach auch beim Bezahlen an der Kasse sehr ernst genommen: "So kommen die meisten Kunden dem Wunsch des Handels nach und zahlen aus Rücksicht vor dem Kassenpersonal mit Karte", lautet eine Erkenntnis der Studie.
So gaben 41 Prozent aller Befragten an, jetzt häufiger mit ihrer EC-Karte zu bezahlen als vor dem Ausbruch der Corona-Pandemie. Zähle man die Kreditkarten dazu, setzen 57 Prozent aktuell vermehrt auf die Kartenzahlung. Gleichzeitig wird derzeit auf Bargeld eher verzichtet: "47 Prozent der Befragten haben ihren Bargeldeinsatz neuerdings deutlich reduziert", geht aus der Umfrage hervor.
Wer sich aber selbst beim Einkaufen beobachtet, wird feststellen, dass 100 Euro in bar stärker spürbar sind als 100 Euro, die ich mit EC- oder Kreditkarte zahle. Wissenschaftler haben dieses Phänomen eingehend untersucht und in Studien festgestellt: Bezahlen Probanden in bar, werden genau die Hirnregionen aktiv, in denen auch das Schmerzempfinden sitzt. Zahlen sie mit Karte, bleibt diese Region ruhig.
„The Pain of Paying“, den Schmerz des Bezahlens, nennt Zellermayer in seiner Dissertation dieses Phänomen. Der physisch vollzogene Akt, das Geld aus der Hand zu geben, sich von ihm zu trennen, wirkt sich auch psychologisch aus. Beim bargeldlosen Zahlen fehlt dieses Gefühl, es fehlt der Schmerz.
Der Schmerz kommt erst, wenn ich meine Kontoauszüge anschaue und ich froh bin, dass ich ein Tagesgeldkonto für Rücklagen habe. Es kam auch die Erkenntnis, dass ich old school bin. Wenn ich in der neuen digitalen Finanzwelt überleben, will muss ich wohl einige Punkte in meinen Leben umstellen.
Der Aufbruch in die neue digitale Welt war für mich der Haushaltsplaner des Verbraucherservices Bayern (siehe QR-Code). Seitdem ich meinen Haushaltsplan und meine Konten auch auf dem Smartphone im Blick habe kommt der „Pain of Paying“ schneller und nicht immer mit ein paar Wochen Verzögerung.
Im Rahmen der Aktionswoche Schuldnerberatung werden wir Schuldnerberater in der nächsten Woche unter anderem für Kinder und Jugendliche eine besser Medien- und Finanzkompetenz fordern. In einer auf Konsum ausgerichteten Welt muss der Umgang mit Geld, Handy und Internet gelernt werden. Geeignete Angebote zum Erwerb von Finanzkom-petenz sind hier erforderlich, die unabhängig von Anbietern und objektiv das nötige Wissen vermitteln.
Für mich ist die Corona-Pandemie eine Zeit die mich zwingt schneller in die digitale Welt einzutauchen und mir moderne Medien- und Finanzkompetenz anzueignen. Ich merke, dass die digitale Welt viele Vorteile hat, aber trotzdem vermisse ich meinen Geldbeutel, das Klimpern der Münzen und das Rascheln der Scheine.
Wenn Sie mit uns über Ihren Haushaltplan oder Ihre Finanzen reden möchten, stehen wir Ihnen gerne auf vielen Medien zur Verfügung. Sie erreichen uns telefonisch unter 09141/8600-300 oder per Mail schuldnerberatung@diakonie-wug.de.